Warum wir die Ablehnung fast immer überschätzen
Heute morgen habe ich ein Interview in der Süddeutschen Zeitung von Sven Fröhlich gelesen (Link unten). Er hat Probleme, Fremde anzusprechen und hat einen Selbstversuch gewagt, der so simpel klingt wie unangenehm ist: einen ganzen Tag lang möglichst viele fremde Menschen ansprechen. In einer Buchhandlung, an der Käsetheke, im Café. Sven Fröhlich beschreibt in seinem Artikel "Wie ich lernte, wieder offener auf Fremde zuzugehen", wie schweißnass er vor einem wildfremden Mann mit zwei Krimis in der Hand stand und sich fragte, ob eine simple Frage nach dessen Lesegeschmack überhaupt erlaubt ist.
Als Coach mit Individualpsychologie-Hintergrund hat mich der Text sofort gepackt, weil er ziemlich genau das beschreibt, was ich in Coaching-Gesprächen immer wieder sehe, nur meist in anderem Gewand.
Der Rückzug hinter Handy und Kopfhörer hat einen Preis
Der Artikel beginnt mit einer Beobachtung, die inzwischen fast banal klingt, aber ihre Wucht nicht verliert: Wir bestellen online, schauen Filme allein, sprechen im Zug nicht mehr mit der Person neben uns. Die WHO führt fast eine Million Todesfälle pro Jahr auf die gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit zurück, Großbritannien hat inzwischen eine eigene Ministerin dafür. Das ist kein Nischenthema mehr, es ist eine der großen gesundheitlichen Fragen unserer Zeit.
Was mich daran interessiert, ist weniger die Diagnose als die Frage, warum wir das eigentlich zulassen, obwohl wir spüren, dass uns etwas fehlt. Die Antwort liegt für mich in der Individualpsychologie ziemlich klar auf der Hand.
Gemeinschaftsgefühl ist kein Nice-to-have
Alfred Adler hat das Gemeinschaftsgefühl als eines der beiden Grundstreben des Menschen beschrieben, neben der Autonomie. Es ist das Bedürfnis, verbunden zu sein und etwas beizutragen, nicht nur mitzulaufen. Wenn dieses Bedürfnis dauerhaft unerfüllt bleibt, entstehen keine abstrakten Statistiken, sondern sehr konkrete Symptome: Rückzug, Gereiztheit, das Gefühl, im eigenen Leben nur noch zu funktionieren statt zu leben.
Der französische Philosoph Charles Pépin, den der Artikel zitiert, bringt es sprachlich schön auf den Punkt: Im Wort Begegnung steckt das "gegen". Wir stoßen auf jemanden, der uns aus der Routine reißt. Genau das fehlt vielen Menschen, mit denen ich arbeite, nicht weil sie keine Menschen mögen, sondern weil sie Angst vor Zurückweisung haben und darum nicht (mehr) auf andere zugehen.
Warum wir Fremde für desinteressierter halten, als sie sind
Der interessanteste Teil des Artikels ist für mich eine Studie aus Chicago. Forschende haben Pendler in Zügen gebeten, ein Gespräch mit einer fremden Person zu beginnen. Vorher gingen fast alle davon aus, dass die Fahrt am angenehmsten schweigend verläuft und dass das Gegenüber ohnehin kein Gespräch will. Aber das Ergebnis war das genaue Gegenteil: Niemand wurde abgewiesen. Beide Seiten verließen den Zug mit besserer Laune.
Das ist mehr als eine nette Anekdote, es ist ein systematischer Denkfehler, den viele von uns haben. Wir unterschätzen konsequent, wie sehr sich Menschen für andere interessieren, und schützen uns mit der Annahme des Desinteresses vor einer Ablehnung, die aber in Wirklichkeit kaum stattfindet. In der Individualpsychologie würde man sagen: Die Privatlogik, mit der wir uns diesen Rückzug erklären, hält einer Überprüfung durch die Realität selten stand.
In Coaching-Gesprächen begegnet mir diese Logik ständig, nur meist mit anderem Anlass. Jemand traut sich nicht, die eigene Meinung im Meeting zu vertreten, weil er überzeugt ist, die anderen wollen das ohnehin nicht hören. Jemand meldet sich seit Monaten nicht bei einem alten Kontakt, weil er annimmt, der Kontakt hätte längst kein Interesse mehr. Die Angst vor der Interaktion ist real, aber die Annahme dahinter stimmt fast nie.
“Schwache Bindungen” zählen mehr, als wir denken
Ein zweiter Befund aus dem Artikel fand ich ebenfalls sehr interessant. Die Psychologinnen Gillian Sandstrom und Elizabeth Dunn haben untersucht, was passiert, wenn Menschen bewusst kleine, beiläufige Kontakte im Alltag sammeln: den Barista grüßen, dem Hundebesitzer zunicken, kurz über ein Fußballtrikot sprechen. Allein das Zählen dieser kleinen Momente ließ die Teilnehmenden abends zugehöriger fühlen, unabhängig davon, wie tief die Gespräche waren.
Das widerspricht der Idee vieler Menschen, die ich im Coaching erlebe, nämlich dass nur die tiefen, bedeutsamen Beziehungen zählen. Beziehungsarbeit fängt für mich nicht erst beim engen Vertrauensverhältnis an. Sie fängt bei der kleinen, unscheinbaren Geste an, die zeigt: Ich habe dich gerade wahrgenommen. Wer im Coaching an sozialer Unsicherheit arbeitet, muss also nicht sofort das große, verletzliche Gespräch oder eine tiefgreifende Bindung suchen. Der viel niedrigschwelligere erste Schritt reicht oft schon.
Ich habe dafür ein sehr konkretes Beispiel im eigenen Alltag, jeden Morgen, noch vor dem ersten Kaffee, nämlich wenn ich mit unserem Hund rausgehe. In dieser halben Stunde sammeln sich zehn bis fünfzehn kleine Interaktionen an. Mal ein richtiges Gespräch mit einer anderen Hundebesitzerin über das Wetter, die Hasen im Park oder die Baustelle um die Ecke, meistens aber nur ein “Servus”, ein Nicken, ein kurzer Blick mit jemandem, den ich vom Sehen kenne und sonst nichts über ihn weiß. Bewusst wahrgenommen habe ich diese Runde nie als Ressource, bis ich den Artikel gelesen habe. Mein Tag startet so gut wie nie isoliert - allein durch die Hunderunde bin ich morgens schon eingebunden, bevor überhaupt etwas Inhaltliches passiert ist (das muss ich mir für den nächsten Gassigang bei Regen und Kälte merken…).
Mut wächst mit Wiederholung
Der Selbstversuch im Artikel macht den Autor nicht über Nacht zu einem Menschen, der mühelos auf andere zugeht. Jedes Gespräch kostet ihn weiterhin Kraft. Aber eine Folgestudie von Sandstrom aus dem Jahr 2022 zeigt, warum sich das trotzdem lohnt: Die Teilnehmenden haben eine Woche lang gezielt Fremde angesprochen und berichten, dass ihre Hemmschwelle mit jedem Tag ein wenig sinkt. Der Alltag beginnt so, sich voller Gesprächsmöglichkeiten anzufühlen, statt leer und einsam zu sein.
Das deckt sich mit meiner Erfahrung fast eins zu eins. Mut entsteht selten als Gefühl, bei dem man abwartet, bis es groß genug ist. Er entsteht durch Wiederholung eines kleinen, konkreten Verhaltens, das anfangs unangenehm bleibt und irgendwann selbstverständlich wird. Blickkontakt mit der Bäckereifachangestellten, ein kurzer Schnack mit dem Nachbar, der den Müll rausbringt.
Im Coaching gebe ich meinen KlientInnen dazu ein sehr kurzes Zeitfenster für diese Mikroexperimente. Sie sollen sich nicht über Nacht ändern und sich an einem "Ich werde offener" messen, sondern über einen gewissen Zeitraum kleine Interaktionen üben: "Ich spreche in den nächsten drei Tagen einmal eine fremde Person im Aufzug oder an der Kaffeemaschine an". Klein genug, um es tatsächlich zu tun, konkret genug, um danach eine Rückmeldung geben zu können, ob es geklappt hat. Die große Ankündigung "Ich werde jetzt mutiger" funktioniert nicht, aber ein einzelner, wiederholbarer Schritt durchaus.
Was das für den Alltag bedeutet
Wer sich in diesem Muster wiedererkennt, muss nicht gleich einen ganzen Tag Fremde ansprechen wie der Autor des Artikels. Es reicht, die eigene Privatlogik einmal kurz zu prüfen: Woher weiß ich eigentlich, dass die andere Person kein Gespräch will? Habe ich es überhaupt versucht? Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte, wenn ich versuchen würde? Meistens lautet die Antwort: Ich weiß es nicht, ich vermute es nur und die Vermutung schützt mich davor, es zu versuchen.
Der zweite Schritt ist klein und niedrigschwellig. Nicht das lange, bedeutsame Gespräch suchen, sondern die eine beiläufige Bemerkung, die man sich sonst verkneift. Ein Kommentar zum Wetter, eine Frage, ein Kompliment. Klein genug, um es zu wagen, oft genug wiederholt, um es zu einer Gewohnheit werden zu lassen.
Was mir an diesem Artikel gefallen hat, ist, dass er kein Plädoyer für grenzenlose Extraversion ist. Es geht nicht darum, ein anderer Mensch zu werden. Es geht darum, das eigene Bedürfnis nach Verbindung ernst zu nehmen, statt es hinter der Annahme zu verstecken, andere wollen ohnehin nicht.
Quelle: Sven Fröhlich, "Wie ich lernte, wieder offener auf Fremde zuzugehen", Süddeutsche Zeitung, 28. Juli 2026.